ANN-ARBOR-BRÜCKE | TÜBINGEN
RADFAHRBRÜCKE WEST
MAYR | LUDESCHER | LUDESCHER
Ein blaues Band, das sich über die Gleise legt, sich aufrollt und einen Spielplatz umschlingt. Manche Bauwerke erklären sich von selbst. Dieses muss man umrunden, übersteigen, überfliegen – bis es seine Logik preisgibt.
Die Linie aus Blau
Beim ersten Mal stand ich unten, im Schatten des Stegs, dort, wo das Namensschild an der Säule hängt: Ann-Arbor-Brücke – benannt nach Tübingens Partnerstadt im US-Bundesstaat Michigan, ein Symbol für das gemeinsame Bekenntnis beider Städte zur kommunalen Klimaneutralität. Was von hier wie ein einzelner, ruhiger Bogen aussieht, ist in Wahrheit eine lange Geste: rund 378 Meter inklusive der Rampen, vier Meter breit, am höchsten Punkt zehn Meter über den Schienen.
Die größte fotografische Konstante ist das Blau. In Tübingen markiert es die Radinfrastruktur – dort, wo andernorts Rot liegt. Auf der Brücke wird daraus eine durchgehende, leuchtende Fläche, die das Bauwerk von allem ringsum löst. Im flachen Gegenlicht kippt diese Farbe leicht ins Türkis; man muss die Belichtung führen, damit das Blau Blau bleibt. Hält man es, entsteht ein fast abstraktes Bild: Fläche, Linie, Pfeil, Himmel.
Der Weg als Bild
Auf dem Steg führt das feine Netzgeländer den Blick nach vorn, in die Kurve, in die Unschärfe der Ferne. Hier braucht es Bewegung im Bild. Ein vorbeiziehender Radfahrer, mit langer Verschlusszeit zur Spur verwischt, gibt dem statischen Bauwerk seinen Takt zurück. Das Bild zeigt dann nicht mehr die Brücke – es zeigt das Fahren über die Brücke.
Wenn das Tageslicht geht und die Stege ihr Lichtband zünden, wird aus der Verbindung eine Inszenierung: Die integrierte Beleuchtung zeichnet die Krümmung als leuchtende Kontur in die Dämmerung, daneben ziehen auf der Straße die Scheinwerfer ihre warmen Spuren – zwei Verkehrswelten in einem Frame.
Die zweite Ebene
Ohne die Drohne bliebe dieses Projekt unverstanden. Erst von oben zeigt sich die eigentliche Idee: Am nördlichen Ende rollt sich die Brücke zu einer vollständigen Schleife auf, einer aufgeständerten Spirale, die einen ganzen Platz umschließt. Dieses Muster ist von keinem Standpunkt am Boden zu sehen.
Die schönste Überraschung liegt unter dem Steg. Wo die Schleife sich schließt, spannt sich ihr Schatten über einen Spielplatz: Schaukeln hängen an der Unterseite des Brückendecks, dazu Kletterstämme und Graffiti. Das Bauwerk ist also nicht nur Weg, sondern auch Dach – die Konstruktion arbeitet auf zwei Ebenen zugleich. Erst beide Bilder zusammen, die kühle Skulptur von oben und der lebendige Raum darunter, erzählen, was dieses Projekt leistet.
Die Ann-Arbor-Brücke – tragwerksgeplant von Mayr | Ludescher | Partner, Stuttgart, und 2024 eröffnet – ist fotografisch dankbar, weil sie selbst ein Kompositionsprinzip trägt: Linie und Schleife, Höhe und Unterführung, kühle Fläche und warmer Raum. Es ist ein Vergnügen, ein solches Bauwerk zu begleiten.